Wenn George Lucas spricht, hört Hollywood zu – auch mit 82. In einem Interview mit dem Filmmagazin A Rabbit’s Foot, das diese Woche international Wellen schlug, liefert der Star-Wars-Schöpfer eine bemerkenswerte Doppelbotschaft: Künstliche Intelligenz sei unaufhaltsamer Fortschritt, vergleichbar mit der Ablösung der Pferdekutsche durch das Auto – Hollywoods geliebte Fokusgruppen und Testscreenings dagegen hält er für Gift fürs Kino. Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, ist bei genauem Hinsehen ein einziges, sehr konsequentes Statement über die Frage, wer eigentlich erzählen darf: die Vision – oder der Durchschnitt.
Was sagt George Lucas zur KI im Kino?
Kurz gesagt: Er hält sie für ein Werkzeug, das kommen wird, ob es der Branche passt oder nicht. „Künstliche Intelligenz bedeutet, dass es für uns viel einfacher wird, Filme zu machen“, sagt Lucas – und vergleicht die Abwehrhaltung vieler Kolleg:innen mit jemandem, der nach der Erfindung des Autos auf der Pferdekutsche beharrt: Ja, die neuen Maschinen hätten Probleme, ja, man werde sie auch missbrauchen – aber sie seien nun einmal die Zukunft, und dagegen lasse sich nichts tun. Selbst auf die Deepfake-Sorge hat er eine pragmatische Antwort: Die Werkzeuge, um Fälschungen zu erkennen, liefere dieselbe Technologie gleich mit – verantwortlich für das Gesagte bleibe ohnehin der Mensch. Mit dieser Haltung steht er nicht allein: Auch Blockbuster-Regisseure wie Peter Jackson blicken inzwischen wohlwollend auf die neuen Möglichkeiten.
Pikant ist der Anlass: Lucas gab das Interview zur Eröffnung seines Museum of Narrative Art, das ab Herbst in Los Angeles Jahrzehnte menschlicher Erzählkunst versammelt. Ausgerechnet der Hüter des analogen Erzählerbes erklärt die KI zur Zukunft des Mediums – eine Ironie, die seinen Kritikern nicht entgangen ist.
Der eigentliche Feind heißt Fokusgruppe
Der zweite Teil seiner Botschaft bekam weniger Schlagzeilen, ist aber der aufschlussreichere. Lucas verachtet die Testscreening-Kultur der Studios – nicht, weil ihn Publikumsreaktionen nicht interessierten. Im Gegenteil: Wenn eine Figur nicht funktioniere, wolle er als Filmemacher verstehen, warum. Doch die Studios zögen daraus die falsche Lehre und ließen inzwischen faktisch das Publikum die Filme machen; alles drehe sich nur noch darum, was die Fans denken. Filme entstünden aber nicht durch Abstimmung, sondern durch Menschen mit einer Geschichte und der Leidenschaft, sie zu erzählen – Kunst sei nun einmal ein emotionales Medium.
„Das Publikum weiß nicht, was es sehen will.“ – George Lucas, im Interview mit A Rabbit’s Foot, zitiert nach Variety
Wie aktuell der Befund ist, zeigen zwei Beispiele aus jüngster Zeit: James Gunn behielt die vielkritisierte Eichhörnchen-Rettungsszene in „Superman“ gegen den ausdrücklichen Widerstand seiner Testpublika bei, und Maggie Gyllenhaal berichtete von Testvorführungen, die ihr bei „The Bride!“ die Tonalität austreiben wollten. Der Reflex, Kunst am Durchschnittsgeschmack zu glätten, ist keine KI-Erfindung – er ist Hollywood-Alltag seit Jahrzehnten.
Vom CGI-Buhmann zum KI-Optimisten: das ewige Muster
Wer Lucas‘ Gelassenheit verstehen will, muss seine Biografie lesen: Er gründete 1975 Industrial Light & Magic und legte damit den Grundstein für die digitale Revolution des Kinos, er trieb digitale Kameras voran, als Puristen noch auf Zelluloid schworen, und seine Star-Wars-Prequels wurden für ihre CGI-Lastigkeit verspottet – und waren technisch wegweisend. Wenn ihm ein Werkzeug fehlte, erfand er es. Die KI-Aussagen sind die logische Verlängerung seines lebenslangen Credos, dass Kino keine Technologie ist, sondern eine Idee: das bewegte Bild, egal womit es entsteht. Jede Generation von Puristen hat ihm widersprochen. Bislang behielt meist er recht.
Lucas trennt sauber zwischen Werkzeug und Entscheidungsinstanz. KI darf helfen – erzählen muss der Mensch. Konsequent gedacht sind Fokusgruppen das ältere „Daten statt Vision“-Problem, und die Angst vor dem KI-Einheitsbrei ist letztlich dieselbe Angst vor der Herrschaft des Durchschnitts. Wer beide bekämpft, ist kein Widerspruch, sondern konsistent.
Das Publikum weiß nicht, was es sehen will: George Lucas über KI, Fokusgruppen und die Zukunft des Kinos

Für uns in der Kreativwirtschaft steckt in diesem Interview eine Pointe, die über Hollywood hinausweist: Lucas‘ Doppel-Statement ist in Wahrheit ein einziges. Die Gefahr für gute Geschichten war nie das Werkzeug – weder die Kamera noch der Computer noch die KI. Die Gefahr ist die Auslagerung der Vision: gestern an Testpublika und Fokusgruppen, morgen an den statistischen Durchschnitt der Trainingsdaten. Ich gehe davon aus, dass die besten Arbeiten der KI-Ära von Kreativen kommen werden, die die neuen Werkzeuge virtuos beherrschen und sich trotzdem nicht hineinreden lassen – Mut zur Idee statt Konsens-Design, wie wir es in unserer eigenen Arbeit seit Jahren predigen. Der alte Mann aus Modesto hat es kürzer gesagt: Man macht einen Film, indem man jemanden findet, der eine Geschichte hat und für sie brennt. Alles andere – Pferdekutsche oder Neuronales Netz – ist Transportmittel.