Auf einem Musikfestival an der Taihu-Bucht steht ein Performer vor 10.000 Menschen und singt – er ist ein Roboter. Gleich zwei Entwicklungen zeigen, wie schnell humanoide Roboter aus China derzeit vom Labor in Alltag und Kultur drängen: Marktführer UBTech hat Ende Juni in Shenzhen eine Serie massenproduzierter, emotional reagierender Androiden vorgestellt, und Start-ups wie AheadForm bringen täuschend menschliche Maschinen auf Festivalbühnen und in den Kundenservice.
Was können die neuen humanoiden Roboter aus China?
Kurz gesagt: Sie sehen aus wie Menschen, lesen Emotionen in Echtzeit und reagieren darauf – mit Gesichtsausdruck, Tonfall und Wortwahl. Bei der Präsentation der UWORLD U1-Serie zeigte UBTech, Chinas führender Humanoiden-Hersteller, mehr als 50 Modelle mit unterschiedlichem Aussehen – darunter „Ling Ye“ (183 Zentimeter) und „Xiao You“ (168 Zentimeter), deren Haut aus einem Silikon-Ton-Material besteht, bei dem nach mehr als zehn Färbedurchgängen Poren, Fingerabdrücke und feine Äderchen zu erkennen sind.
Technisch ist die Serie in den Varianten Lite, Pro und Ultra erhältlich und imitiert laut Hersteller mit 88 Freiheitsgraden rund 90 Prozent aller menschlichen Bewegungen. Das Herzstück aber ist die emotionale Ebene: Über 20 Gefühlszustände sollen die Maschinen innerhalb von 500 Millisekunden mit über 90-prozentiger Genauigkeit erkennen. Der Markt reagierte prompt – 13.361 Bestellungen lagen bereits zum Launch vor, bei Preisen zwischen rund 17.650 und 138.000 Euro. UBTech adressiert damit gezielt die 120 Millionen Singles und 320 Millionen Senior:innen in China; die Analysten von Morgan Stanley erwarten für 2026 rund 50.000 ausgelieferte Humanoide allein im Reich der Mitte. Zur Einordnung: Es sind Herstellerangaben – unabhängige Tests stehen noch aus.
Vom Kundenservice auf die Festivalbühne
Noch spannender für die Kreativbranche ist, was jüngere Player vorführen. Das 2024 vom Columbia-Robotiker Yuhang Hu gegründete Start-up AheadForm aus Hangzhou baut Androiden, deren Gesichter mit bis zu 30 Motoren blinzeln, Blickkontakt halten und Mikro-Mimik zeigen. Gedacht sind sie für Kundenservice, Bildung und emotionale Gespräche – doch die Firma denkt längst in Bühnenbildern: Ihr Roboter „Elf-Xuan“ sang auf einem Robotik-Festival ein Liebeslied, „Elf-Ir“ trat nach Firmenangaben beim Taihu Bay Music Festival vor 10.000 Menschen auf. Firmengründer Hu erwartet, dass Roboter in zehn Jahren kaum noch von Menschen zu unterscheiden sein werden.
Parallel entsteht die Infrastruktur für performende Maschinen: Westlake Robotics etwa zeigte mit dem Titan 01 ein System, das menschliche Bewegungen per Motion-Capture in Echtzeit auf einen oder gleich mehrere Roboter überträgt – Choreografie auf Knopfdruck. In der Fachwelt hat sich dafür der Begriff der „sozialen Intelligenz in physischer KI“ etabliert. Und der Umbruch wird auch hierzulande registriert:
„Es ist die Ära der humanoiden Robotik, die wir gerade erleben.“ – Tamim Asfour, Professor für humanoide Robotik am KIT, gegenüber der WirtschaftsWoche
Wie natürlich die Interaktion mit AheadForms Origin F1 bereits wirkt, zeigt diese offizielle Echtzeit-Demo:
Was das für die Kreativwirtschaft bedeutet
Die erste KI-Generation hat gelernt, wie wir schreiben, malen und komponieren. Die nächste lernt, wie wir schauen, zögern und lächeln – und sie steht dabei auf der Bühne. Für Marken und Agenturen eröffnet das drei konkrete Spielfelder. Erstens die verkörperte Markenfigur: Was heute als Charakterdesign auf Social Media funktioniert – wie die KI-Markenfigur „Karl“ der Bäckerei Ströck – könnte morgen physisch am Point of Sale, auf der Messe oder im Flagship-Store stehen. Zweitens das Live-Entertainment: Roboter-Performer sind als Act ein Publikumsmagnet, wie das Taihu-Konzert andeutet – dass KI längst singen und texten kann, bekommt damit erstmals Körper und Publikum. Und drittens der empathische Service: Vom Empfang bis zur Produktberatung entsteht eine neue Gattung von Markenkontaktpunkten, die Stimmungen liest, statt Formulare abzufragen. Wer schon mit virtuellen Markenpersönlichkeiten experimentiert hat – wie wir mit „Amelia“ für die Österreich Werbung –, erkennt sofort: Der Schritt vom Avatar zum Androiden ist konzeptionell kleiner, als er aussieht.
Digitale Doppelgänger und offene ethische Fragen
Bemerkenswert – und heikel – ist ein Detail der UBTech-Präsentation: Die Roboter sollen sich in Aussehen, Stimme und Charakter lebenden oder sogar verstorbenen Personen nachempfinden lassen. Damit steht der Deepfake plötzlich in 3D im Wohnzimmer, und Fragen nach den Rechten am eigenen Gesicht, an der eigenen Stimme und am digitalen Nachleben werden von der Theorie zur Produktbeschreibung. Dazu kommt die Einsamkeitsökonomie: Beworben werden die Maschinen ausdrücklich als Begleiter gegen Isolation – Verheißung und Ersatzbeziehung liegen hier nah beieinander.
Auffällig ist jedenfalls, wer hier das Tempo macht: Von den rund hundert Institutionen, die weltweit an Humanoiden arbeiten, kommen die meisten aus den USA und China – Europa versucht gerade erst, mit Konferenzen wie der „Machina“ in Paris den Anschluss zu finden.
Wenn humanoide Roboter Liebeslieder singen: Chinas Gefühlsmaschinen entdecken die Kreativwirtschaft
Man muss die Herstellerversprechen nicht für bare Münze nehmen, um die Richtung zu erkennen: Emotionale Interaktion wird zur Schlüsseldisziplin der Robotik, und die Kreativwirtschaft ist ihr natürliches Testgelände – dort, wo Aufmerksamkeit, Inszenierung und Gefühl ohnehin das Geschäft sind. Ich gehe davon aus, dass wir binnen zwei, drei Jahren die ersten humanoiden Markenbotschafter auf Messen und Events im DACH-Raum sehen werden – zunächst als Novität, dann als Werkzeug.