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Werbung auf ChatGPT – vom letzten Ausweg zum Milliardengeschäft

Werbung auf ChatGPT

Werbung auf ChatGPT

Am 31. August 2026 meldete OpenAI einen Meilenstein, der die Werbebranche aufhorchen lässt: ChatGPT Ads erreicht nach nicht einmal 200 Tagen eine Milliarde US-Dollar annualisierten Umsatz. Seit dem 24. August sehen auch Nutzer:innen in Österreich und Deutschland Anzeigen im Chat, seit dieser Woche können Unternehmen ihre Kampagnen in Europa selbst buchen. Ausgerechnet Sam Altman, der Werbung in der KI einst als „letzten Ausweg“ bezeichnete, baut damit im Zeitraffer einen Werbekonzern auf. Was bedeutet Werbung auf ChatGPT für eine Milliarde Nutzer – und was für Marken und Agenturen?

Um zu verstehen, wie bemerkenswert diese Kehrtwende ist, muss man zunächst begreifen, wie lange OpenAI genau das ausgeschlossen hat.

Vom „letzten Ausweg“ zur ersten Geldquelle

Noch 2024 klang Sam Altman wie ein Werbekritiker. Im Podcast von Lex Fridman bekannte er, Werbung schon aus ästhetischen Gründen zu hassen; ihm gefalle, dass zahlende Nutzer wüssten, dass ihre Antworten nicht von Werbetreibenden beeinflusst werden. Bei einem Auftritt an der Harvard University wurde er noch deutlicher:

„Werbung plus KI ist für mich auf eine einzigartige Weise beunruhigend.“ – Sam Altman, OpenAI, Mai 2024

Werbung sei, so Altman damals, ein „letzter Ausweg“ für das Geschäftsmodell. Noch im August 2025 versicherte ChatGPT-Chef Nick Turley, Abonnements hätten klar Vorrang; im November dementierte er Berichte über Werbecode in der Android-App. Sechs Wochen später, am 16. Jänner 2026, veröffentlichte OpenAI seine Werbeprinzipien – und am 9. Februar liefen die ersten Anzeigen in den USA.

Die Financial Times nannte OpenAI zuletzt einen „era-defining money furnace“, einen epochalen Geldofen: rund acht Milliarden US-Dollar Verlust im Jahr 2025, Infrastrukturzusagen von etwa 1,4 Billionen US-Dollar – und nur ein einstelliger Prozentsatz der Nutzer zahlt. Altman selbst begründete die Wende auf X nüchtern: Viele Menschen wollten viel KI nutzen, aber nicht dafür bezahlen.   

So funktioniert Werbung auf ChatGPT

Anzeigen sehen ausschließlich eingeloggte, erwachsene Nutzer der Gratisversion und des Spartarifs Go, der hierzulande rund acht Euro pro Monat kostet. Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu bleiben werbefrei, ebenso Konten von Minderjährigen; bei sensiblen Themen wie Gesundheit, Psyche oder Politik sind Anzeigen tabu. Die Werbung erscheint als gesponsert gekennzeichnet unterhalb der eigentlichen Antwort, abgetrennt durch eine graue Linie, und wird nach Gesprächsthema, früheren Chats und bisherigen Anzeigen-Interaktionen ausgewählt. OpenAI verspricht dreierlei:

Ob diese Zusagen den Realitätstest bestehen, ist die eigentliche Frage – dazu gleich mehr.

Ein Anzeigenmanager wie bei Google und Meta

Aus dem vorsichtigen Pilotprojekt ist binnen Monaten eine vollwertige Werbeplattform geworden. Im Mai öffnete OpenAI den Ads Manager als Self-Service-Tool – seither buchen auch kleine und mittlere Unternehmen direkt, mit CPC-Geboten, Conversion-Optimierung, Pixel, Conversions API, Produktfeeds und Custom Audiences. Mehr als 40 Länder, zehntausende Werbetreibende, über 50 Technologie-Partner; seit dem 31. August steht der Self-Service auch in Europa, Indien, dem Nahen Osten und Nordafrika offen. OpenAI nennt erste Erfolgsgeschichten: ein E-Commerce-Kunde mit dreifachem Return on Ad Spend in 28 Tagen, ein Partner, bei dem über 80 Prozent des Anzeigen-Traffics von Neukunden stammten.

Noch macht Werbung nur etwa 3,7 Prozent des Umsatzes aus – doch Berichten zufolge peilt OpenAI 2,5 Milliarden US-Dollar noch heuer und 100 Milliarden bis 2030 an. Vor dem erwarteten Börsengang bei einer Bewertung von 852 Milliarden US-Dollar ist das eine Kampfansage an Google und Meta.

Wie hart dieser Kampf geführt wird, zeigte sich beim Super Bowl – Good Morning America präsentierte den Spot des Konkurrenten Anthropic und sprach mit dem Unternehmen über die Kampagne:

 

Video: AI company unveils Super Bowl ad, Good Morning America, 5. Februar 2026

„Betrayal“ – der Konter von Anthropic

OpenAIs Werbeoffensive lieferte dem größten Rivalen nämlich eine Steilvorlage. Am 4. Februar erklärte Anthropic, sein Chatbot Claude werde werbefrei bleiben – und buchte prompt seine erste Super-Bowl-Kampagne:

„Es gibt viele gute Orte für Werbung. Ein Gespräch mit Claude gehört nicht dazu.“ – Anthropic 

Die Spots unter dem Claim „Ads are coming to AI. But not to Claude“ zeigen in dunkler Komik, wie Chatbots ihre Nutzer verraten: Ein schmächtiger junger Mann fragt nach dem Weg zum Sixpack und bekommt Einlegesohlen für „Short Kings“ verkauft, ein anderer sucht Rat für das Gespräch mit seiner Mutter und landet bei einem Cougar-Dating-Portal. Rund acht Millionen US-Dollar kostete ein 30-Sekunden-Spot vor 125 Millionen Zusehern – und einen Tag nach dem Spiel schaltete OpenAI tatsächlich seine ersten Anzeigen frei.

Die Wirkung war messbar: Claudes täglich aktive Nutzer stiegen laut BNP Paribas um elf Prozent, die App kletterte von Platz 41 auf Platz sieben des US-App-Stores. Sam Altman räumte ein, gelacht zu haben, nannte die Spots aber „eindeutig unehrlich“ – so würde OpenAI Werbung nie ausspielen. Die Kreativbranche sah das anders: Film-Jurypräsident Pelle Sjönell adelte die später preisgekrönte Kampagne als „Corporate Aikido“ – die Ankündigung des Marktführers, gegen ihn selbst gewendet.

Die Vertrauensfrage

Ob Nutzer die neue Werbewelt akzeptieren, ist offen. Laut Ipsos sagen 63 Prozent der US-Erwachsenen, dass Werbung ihr Vertrauen in KI-Suchergebnisse senkt, nur 24 Prozent widersprechen. Forschende warnen zudem vor subtilen Effekten, und OpenAI ist längst nicht allein – Microsoft zeigt Anzeigen in Copilot, Google integriert Werbung in seine KI-Suche. Aufschlussreich ist, dass OpenAI mit zwei Zungen spricht: Den Nutzern verspricht man private Gespräche, den Werbekunden erklärt die eigene Anzeigenseite: „In ChatGPT teilen Menschen umfassenderen Kontext, was relevantere, stärker personalisierte und nützlichere Werbung ermöglicht.“

Ein Kanal, den kein Werber ignorieren kann

Für die Werbebranche ist ChatGPT trotzdem – oder gerade deshalb – ein Kanal, den niemand ignorieren kann. Laut einer McKinsey-Erhebung nutzt bereits die Hälfte der Konsumenten KI-Suche für Produktrecherchen, 44 Prozent nennen sie ihre wichtigste Entscheidungsquelle. Wer im Chat sichtbar sein will, braucht künftig beides: bezahlte Präsenz im Ads Manager und organische Sichtbarkeit in den Antworten selbst – neben SEO etabliert sich gerade die Disziplin der KI-Suchoptimierung.

Ich habe zwei Jahrzehnte lang digitale Werbung gemacht und selten ein Umfeld gesehen, das so viel über seine Nutzer weiß wie ein Chatverlauf; genau darin liegen Chance und Zumutung zugleich. Schon 2019 habe ich beschrieben, wie KI die digitale Markenführung verändert – und wie radikal sich Marktforschung und Zielgruppenverständnis gerade verschieben, zeigt aktuell das Beispiel MatrAIx mit seinen 8,3 Milliarden simulierten Personas. Marken sollten den Kanal testen, aber mit klaren Leitplanken – ein schlechtes Creative neben einer vertrauenswürdigen KI-Antwort beschädigt mehr als ein schlechtes Banner.

Werbung auf ChatGPT – vom letzten Ausweg zum Milliardengeschäft

OpenAI kündigt bereits „nativere“ Formen der Markeninteraktion an – genau dort beginnt die eigentliche Debatte. Solange Werbung unter der grauen Linie steht, ist sie Werbung. Rückt sie in die Antwort, wird aus Beratung ein Verkaufsgespräch.

„Wer die Antwort verkauft, verkauft irgendwann auch die Frage.“ – Michael Katzlberger, 3LIOT.ai

Werbung auf ChatGPT ist gekommen, um zu bleiben – zu groß ist der Finanzierungsdruck, zu verlockend der Datenschatz, zu leise der Widerstand der Gratis-Nutzer. Es liegt nun an OpenAI zu beweisen, dass eine Werbeplattform mit einer Milliarde wöchentlicher Gespräche ihre Prinzipien nicht den Quartalszielen opfert. Die graue Linie unter der Antwort ist dünn. Die ganze Branche wird zusehen, wie lange sie hält.

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