Es war kein Hype-Gespräch. Es wurden keine Buzzwords verwendet, es gab kein futuristisches Theater. Und genau das macht diese Diskussion so beunruhigend. Als Demis Hassabis und Dario Amodei am 20.1.2026 beim World Economic Forum in Davos über „The Day After AGI“ sprachen, klang das nicht nach Science-Fiction – sondern nach nüchterner Lagebeurteilung. Zwei Menschen, die sehr genau wissen, was sie erschaffen. Und was dabei auf dem Spiel steht.
Nicht die Frage ob AGI (Artificial General Intelligence) kommt, steht im Raum. Sondern: Wie stabil bleibt unsere Welt, wenn sie plötzlich da ist?AGI ist kein neues Werkzeug. Sie ist ein neuer Aggregatzustand von Realität. In der Diskussion wird eines schnell klar: Artificial General Intelligence ist kein weiteres Produkt im KI-Stack. Kein Feature. Kein „Next Release“.
AGI ist eine Qualitätsschwelle. Ein Punkt, an dem Systeme beginnen, nicht mehr nur Aufgaben zu erledigen, sondern eigenständig zu denken, zu lernen, zu kombinieren, zu beschleunigen.
Hassabis beschreibt diesen Moment nicht euphorisch, sondern beinahe vorsichtig. Als etwas, das enorme Chancen freisetzt – wissenschaftlich, medizinisch, ökonomisch – aber gleichzeitig bestehende Ordnungen unterspült. Amodei geht noch weiter und macht klar: Wir reden hier nicht über Effizienzgewinne, sondern über eine Neuordnung von Wertschöpfung, Arbeit und Macht. Die Industrialisierung hat unsere Gesellschaften umgebaut. AGI könnte dasselbe vollbringen – nur ohne die jahrzehntelange Anlaufphase.
Träge Institutionen
Einer der eindringlichsten Momente der Diskussion ist das unausgesprochene Paradox: AGI könnte mehr Wohlstand schaffen als jede Technologie zuvor – und gleichzeitig mehr Instabilität erzeugen als jede Technologie zuvor.
Medizinische Durchbrüche, neue Materialien, Energieoptimierung, wissenschaftliche Erkenntnisse im Zeitraffer. All das ist realistisch. Gleichzeitig aber auch der rapide Bedeutungsverlust ganzer Berufsfelder, das Auseinanderdriften von Gewinnern und Verlierern, das Gefühl kollektiver Kontrolllosigkeit.
Amodei formuliert sinngemäß etwas, das nachhallt: Wir erschaffen Systeme, die schneller sind als unsere gesellschaftlichen Anpassungsmechanismen.
Das Problem ist also nicht die Intelligenz der Maschinen. Es ist die Trägheit unserer Institutionen.
Anpassungsfähigkeit wird wichtiger als Perfektion
Was diese Diskussion von vielen anderen KI-Debatten unterscheidet, ist der Fokus auf Zeit. Nicht als Nebenaspekt, sondern als zentrale Variable. Technologische Umbrüche der Vergangenheit hatten Reibung. Widerstand. Lernkurven. AGI hingegen skaliert digital. Global. Nahezu friktionsfrei.
Für Unternehmen, Marken und Organisationen bedeutet das eine unbequeme Wahrheit: Planungssicherheit wird zur Illusion. Wer heute Strategien für „die nächsten fünf Jahre“ entwirft, plant möglicherweise bereits für ein Umfeld, das in dieser Form nicht mehr existieren wird. Anpassungsfähigkeit wird wichtiger als Perfektion. Lernen wichtiger als Optimieren. Haltung wichtiger als Prozesse.
Regulierung im Rückspiegel
Beide Gesprächspartner wirken erstaunlich einig, wenn es um Governance geht – und gleichzeitig erstaunlich skeptisch. Nicht, weil Regulierung unnötig wäre. Sondern weil unsere politischen Systeme schlicht nicht für Technologien geschaffen sind, die global, selbstverbessernd und hochgradig skalierbar sind.
AGI lässt sich nicht einfrieren. Nicht national begrenzen. Nicht einfach „abschalten“. Hassabis zieht Parallelen zu internationalen Abkommen – Atomkraft, Klima, Sicherheit – und macht gleichzeitig deutlich, wie unzureichend diese Modelle für softwarebasierte Intelligenz sind.
Das eigentliche Risiko liegt weniger im Missbrauch durch Einzelne, sondern in einem koordinierten Kontrollverlust aller Beteiligten.
Der gefährlichste Moment kommt nach dem AGI-Durchbruch
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser Diskussion ist leise, fast beiläufig – und gerade deshalb so eindringlich: Der kritischste Moment ist nicht der Durchbruch zur AGI. Es ist die Phase danach. Der Moment, in dem alles möglich scheint, aber noch nichts stabil ist. Der Moment, in dem Geschwindigkeit größer ist als Verständnis. Der Moment, in dem wir entscheiden, ob wir gestalten oder nur reagieren.
Der „Tag nach der AGI“ ist kein Kalendereintrag. Er ist ein Zustand. Und wer heute beginnt, ihn ernsthaft zu durchdenken, wird morgen nicht überrascht – sondern vorbereitet sein.